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ORF - Boost for the Old House,
C. Fröhlich, S.243-47, in: BIG! BAD? MODERN:, Four Megabuildings in Vienna, academy of fine arts vienna, Park Books, 2015, ISBN 978-3-906027-96-8

ORF - Aufwind für das alte Haus

Das ORF-Zentrum und zwar jene Bauteile, die als „Roland-Rainer-I-Entwurf“  –  also etwa bis 1976  – gelten, steht als sogenanntes §2 Subjekt laut Verordnung nach § 2a DMSG unter Denkmalschutz.

Laut Begründung konnte die Anlage des ORF-Zentrums Küniglberg auch im internationalen Kontext einen innovativen Beitrag zur Entwicklung der Nachkriegsmoderne leisten. Oliver Schreiber, Bundesdenkmalamt, weiter: „Die künstlerische Bedeutung liegt hier unter anderem im Abgehen von der üblichen Glas-Eisen-Ästhetik zugunsten funktioneller und konstruktiver Nachvollziehbarkeit und der Sichtbarmachung der Tragkonstruktion, ähnlich wie bei dem zeitgleich entstandenen Centre Pompidou in Paris. Die kulturelle Bedeutung der Anlage liegt in ihrem Selbstverständnis als nationales kulturelles Symbol. Der hohe Identifikationswert des öffentlich-rechtlichen Senders als Instrument der Medienpolitik der Zweiten Republik wurde durch den hohen architektonischen, technischen und funktionellen Anspruch der Anlage demonstriert. Dem überwiegenden Teil der Anlage kommt somit hohe geschichtliche, künstlerische und kulturelle Bedeutung zu.“

Die Zusammenarbeit der ORF-Gebäudetechnik mit dem Bundesdenkmalamt reicht bis ins Jahr 2005 zurück und betrifft so unterschiedliche Bereiche wie die technisch herausfordernde Betoninstandsetzung der Parapete samt statischer Verstärkung der Zugzonen mittels Kohlefaserarmierung oder den Umbau des Herzens der Gesamtanlage, dem sogenannten Zentralgestellraum ZGR, wobei in diesen Beispielen jeweils für beide Seiten befriedigende Lösungen gefunden werden konnten. Die Architektur ermöglicht ein hohes Maß an Flexibilität, tagtäglich werden auf dem Küniglberg Veränderungen vorgenommen. Umso verwunderlicher ist in diesem Zusammenhang die Aussage von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz: “Viele schöne Programmideen” könnten “nicht realisiert werden, weil ein paar Architekturhistoriker meinen, man müsste das hier erhalten.” Man weiß zwar noch nicht welche schönen Programmideen damit gemeint sind, interessant scheint auch hier die Haltung des Bundesdenkmalamtes. Medienprogrammatische Veränderungen bedingt durch veränderte Produktionsbedingungen, die auch mögliche Umbauten am Bestand verlangen, werden, so diese für die Funktion des Gebäudes als Medienzentrums nötig und sinnvoll erscheinen, unterstützt. In anderen Worten: Es geht nicht darum mit einer Glaskuppel den Ist-Zustand des ORF-Zentrums einzufrieren, sondern dieses in seiner Funktion lebendig zu erhalten. Oder in den Worten Gustav Mahlers – wiedergegeben von Roland Rainer, sinnigerweise in einem ORF-Fernsehportrait: „Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“ (Roland Rainer, Architektur Pur, ORF, 1993)

ORF-Standort
Neu Marx in St. Marx
„Neu Marx“ ist ein Stadtentwicklungsgebiet auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofs St. Marx. Die für eine mögliche Übersiedelung des ORF vorgesehene Fläche befindet sich im Eigentum der Wiener Entwicklungsgesellschaft (WSE). Bis vor kurzem war ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz davon überzeugt, dass der ORF an diesem neuen Standort mit komplett neuen Strukturen besser für die tri-mediale Zukunft gerüstet wäre als in einem sanierten ORF-Zentrum am Küniglberg. Ohne Rücksicht auf den Denkmalschutz ließe sich viel leichter ein neues Gebäude entsprechend der medialen Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts errichten und Synergieeffekte von Partnerunternehmen aus dem benachbarten Media Quarter Marx (MQM) nützen. ORF-Produktionen wie „Willkommen Österreich“ werden schon jetzt dort aufgezeichnet. Die gute Lage und Verkehrsanbindung, sowie die erweiterte Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, Medienausbildung) sind weitere Aspekte, die für diesen Standort sprechen.

Lassen wir nun für ein Gedankenexperiment die zwei schlagenden Argumente „pro Küniglberg“ außer Acht –
1. Die geschichtliche, künstlerische und baukulturelle Bedeutung des ORF-Zentrums, einer Architekturikone der Nachkriegsmoderne in Wien
(Lt. Wrabetz: Nur für ein „paar Architekturhistoriker, die meinen, man müsste das hier erhalten.”)
2. Der unverhältnismäßige Aufwand und die damit verbundenen Kosten für einen Neubau bzw. die Installation der technischen Infrastruktur (Anm.: Die Gesamtlänge der im ORF Zentrum verlegten Kabel beträgt 230.000 km.)
und betrachten wir die obengenannten „pro St. Marx“-Argumente, angewandt auf die bestehende Situation am Küniglberg. Die fünf Fernsehstudios im ORF-Zentrum verfügen über spektakuläre Proportionen und Ausstattungen – sogar im internationalen Vergleich – die sich für synergetische Nutzung durch Partnerunternehmen anbieten, vorallem in Zeiten der Nicht-Nutzung durch den ORF. Dieser verwendet die geringe Auslastung des TV-Theaters (Studio 1) nämlich als Argument für eine mögliche Absiedelung. In „Neu Marx“ soll außerdem die Medienfort- und ausbildung forciert werden. Die CMT-Plattform hat im Rahmen des Forschungsprojektes „Big! Bad? Modern:“ das ORF-Zentrum am Küniglberg auf Flächen, Zonen und räumliche Situationen untersucht, die sich für die Bespielung durch eine Medienschule eignen und zwar unter aufrechtem Sendebetrieb durch den ORF. Die Ergebnisse ermöglichen es uns das ORF-Zentrum so darzustellen, wie es die Öffentlichkeit und auch die ORF-Führung noch nicht kennt. Die ausgewählten Themenbereiche bringen bestehende Räume neu ins Licht und betonen deren spezielle Eigenschaften. Sie beweisen jedenfalls die „Looseness“ des Gebäude-Ensembles und bestätigen, wie zeitgemäß der Rainer-Entwurf für aktuelle Medienproduktionen ist. Somit bleibt die Lage des ORF-Zentrums noch zu besprechen. Schon irgendwie bizarr, dass in Zeiten der Virtualisierung und von Smart-TV, von Vernetzung und Data Clouds, von Ubiquitous Computing und Tri-Medialität die „gute Lage“ an einer Autobahn als bessere Arbeitsumgebung dargestellt wird als der Küniglberg. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass die von Rainer gestaltenden Außenräume (z.B. die Atrien oder der „japanische Garten“ im Westen) für die 1300 Mitarbeiter_innen von hoher Qualität sind und Ähnliches an der Südosttangente nur schwierig zu realisieren wäre. Ein Kindergarten ist übrigens auch Teil des ORF-Zentrums, so, wie Supermarkt, Bank, Post, Trafik, Reisebüro, Sushi-Bar…

Statische Sanierung
Eine vom ORF 2010 in Auftrag gegebene Expertise bescheinigt dem Gebäude am Küniglberg einen desolaten Zustand. Darin ist, laut Kurier, unter anderem von Baumängeln an Fertigteilen die Rede, die in Frage stellen, ob eine teure – technisch aber notwendige – Sanierung auf Kosten der Steuerzahler vertretbar sei. Von weiter oben im Text wissen wir aber, dass in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz Betonsanierungsarbeiten an den angesprochenen Fertigteilträgern bereits ab 2005 in Angriff genommen wurden und der allgemeine Zustand des rund 35 Jahre alten Hauses als sanierungsbedürftig, aber keineswegs desolat bezeichnet werden kann. Man bedient sich offensichtlich immer dann, wenn es nützlich erscheint, eines Vergleiches, der ein Haus der höchsten Gebäudekategorie aus den 1960er Jahren mit der Performance eines Neubaues vergleicht. Tut man dies, wird sich kein Statiker der Welt finden, der im Falle eines Jahrhunderterdbebens die Haftung übernimmt und behauptet das Gebäude würde keine Schäden davontragen.

Thermische Sanierung
Die Prüfung der Konzepte zur thermischen Sanierung ist noch im Gange. Klar ist bereits, dass eine Sanierung im laufenden Betrieb grundsätzlich möglich ist und auch relativ kostengünstig eine bauphysikalisch verbesserte Situation erreicht werden kann. Während zur Klärung der Möglichkeit eines Vollwärmeschutzes die Ausbildung eines Testbereich bei einigen Achsen der Ostfassade eines Bürotrakts bereits durchgeführt wurde, ist auch die aus ästhetischer Sicht zu favorisierende Variante mit innenliegender Dämmung noch nicht aus dem Rennen. Die Bedenken gegen diese Lösung beschreiben ein weiteres bizarres Problem unserer Zeit. Schließlich verlangt die Innendämmung ein ideales Nutzerverhalten – das, was wir in der CMT-Plattform als „aktiven Nutzer“ bezeichnen – um die Luftfeuchtigkeit zu regeln. Nun kann es also tatsächlich geschehen, dass, weil man den Mitarbeiter_innen des ORF nicht zumuten kann oder will, durch aktives „Fenster öffnen“ für ausreichenden Luftaustausch zu sorgen, sich das Erscheinungsbild und letztlich auch die Idee des Roland-Rainer-Baues entscheidend verändert. Auch hier ist die Einschätzung des Bundesdenkmalamtes eine höchst interessante. Da es sich bei der Fassade des ORF-Zentrums nicht um eine Sichtbetonoberfläche handelt und bereits zweimal ein Anstrich angebracht wurde, gilt die Oberfläche nicht als Original und unberührbar. Für uns Architektur-Ästheten stellt sich das natürlich anders dar. Die äußere Gestalt des Bauwerkes informiert in seiner Schlankheit über ihre jeweilige Funktion und macht gleichzeitig ihr konstruktives und statisches Funktionieren nach außen hin sichtbar und zwar unverpackt, ungeschönt und ohne Komfort. Als Konsequenz dieses Konzeptes wurden im Inneren der Gebäude sämtliche Leitungen sichtbar geführt, wodurch die technisch-funktionelle Haltung zusätzlich unterstrichen wird.

Die CMT-Plattform hat während der Forschungsarbeit in einem Balanceakt versucht, die puristische Architektursprache Rainers mit innovativen Energiekonzepten unserer Tage in Einklang zu bringen. Daraus ergibt sich z.B. neben des Plädoyers für eine „aktive Nutzerin“ auch die Erkenntnis, dass das Gebäude eher ein Hitze- als ein Kälteproblem hat, dem man unter anderem durch Nachtlüftung und Pufferzonen beikommen kann.

Aufwind für das alte Haus
Boost for the Old House.
In einer Sitzung des ORF-Stiftungsrates am 13. September 2012 wurde beschlossen, dass eine Konzentration der Standorte am Küniglberg “angestrebt” werden soll. Ein Raum- und Funktionskonzept wird erstellt und in einer zweiten Phase ist ein Architekturwettbewerb vorgesehen, dessen Gegenstand vor allem ein gemeinsamer Newsroom für alle ORF-Medien ist. Eine weitere aktuelle Überlegung ist die Zusammenführung aller Fernseh- und Radioredaktionen am zentralen Standort am Wiener Küniglberg. Laut „Der Standard“ vom 12. Mai 2013 soll von Manfred Wehdorn, langjähriger Vorstand des Instituts für Denkmalpflege der TU Wien, ein Gutachten vorliegen, das bestätigt: „Alle Wiener Unternehmensteile des ORF lassen sich auf dem Küniglberg zusammenführen – sowohl nach ihrem Raumbedarf und den Kosten als auch nach dem Denkmalschutz. Dafür wäre keine Umwidmung nötig.“

So wird sich hoffentlich zeigen, was das alte Haus noch zu leisten im Stande ist. Ob Rainers Räume im Widerspruch zur Tri-Medialität stehen oder diese einfach eine weitere technische Herausforderung darstellt, die für gute Architektur sicher bewältigbar ist, so, wie seinerzeit ein in Europa damals erstmalig realisiertes sogenanntes Durchschaltesystem, wobei jedes Aufzeichnungsgerät jeder externen Bild- und Tonquelle zugeordnet werden konnte. Rainer selbst entwickelte dafür den Funktionsplan zusammen mit der Radio Corporation of America (RCA). In der Folge entschlossen sich zahlreiche europäische Rundfunkstationen für dieses System. Nicht schlecht für ein altes Haus und kein schlechter Boden für Medieninnovationen des 21. Jahrhunderts.
Christian Fröhlich