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"Das Planungsgebiet wird besiedelt, wie einst die Landschaft beim Aufzainen der Holzscheite. Die Holzstöße werden zur Siedlungsform und Haustypologie, die die regionale Tradition in Architektur und Materialität in zeitgemäßer Weise interpretiert."
Architekturwettbewerb Natur (Park) Campus Wienerbruck, 2014.

Von Lohhütten* und Luftkeuschen**.

Die Wiederentdeckung autochthoner Hausformen des Ötschergebietes für den Natur(Park)Campus in Wienerbruck

*Lohhütten sind Notunterkünfte aus mit Rindenteilen umkleideten, zeltartigen Stangen- gerüsten aus Holz. War ein Holzschlag nur durch einen weiten Fußmarsch erreichbar, so errichteten sich die Holzknechte so genannte „Lohhütten“ – einfache Unterkünfte aus Rinde – am Schlag zum Übernachten und kehrten nur zum Wochenen- de in ihre Häuser zurück.

**Luftkeuschen sind Holzblockhäuser der ansässigen Holzknechte, denen zwar jene Hütten gehörten, Grund und Boden blieben aber im Besitz des Grundherrn. Die in den Holzschlägen errichteten Unterkunftshütten wurden später den Familien zum Ausbau so genannter „Luftkeuschen“ überlassen. Auch diese Häuser wurden aus Holz, dem im Überfluss vorhandenen Werkstoff, erbaut. So besiedelten um das Jahr 1775 etwa 300 Personen das Ötschergebiet. Die Hütten gehörten zwar den Holzknechten, doch Grund und Boden sowie die genutzten Äcker und Wiesen blieben vorerst im Besitz des Grundherrn. Im Laufe der Zeit entstanden so in den Wäldern des Ötschergebietes kleine Weilersiedlungen auf die heute zum Teil nur mehr die Flurnamen hinweisen.

„Eine Keische aus unbehauenen Stämmen, mit einer Baumrinde gedeckt und an einer nahen Quelle aufgeschlagen, ist alles, was er braucht...“
Abt Ambros Becziczka über Leben und Arbeit der Holzknechte (aus „Historische und topographische Darstellung von Lilienfeld und seiner Umgebung, Wien 1825, S.475 f.)
Holzknechthütte (Luftkeusche), Federzeichnung, Eduard Sander.
Das Planungsgebiet wird besiedelt, wie einst
die Landschaft beim Aufzainen der Holzscheite,
Das Zainen als Entwurfsmethodik.
Pater Chrysostomos Sandweger, Seccomalereie um 1830, Pfarrhof Josefsberg.

zu sehen in den Seccomalereien des Pater Chrysostomos Sandweger (um 1830) im Pfarrhof Josefsberg. Nach dem Schlägern des Holzes erfolgt die Lagerung – das Zainen (Abb.). Links breitet sich ein großer Kahlschlag aus, auf dem über den Hang verstreut elf Holzstöße abgebildet sind.

Die Holzstöße werden zur Siedlungsform und Haustypologie, die die regionale Tradition in Architektur und Materialität in zeitgemäßer Weise interpretiert.

Schaubild, Natur(Park)Campus in Wienerbruck (rendering: Eva Sommeregger)

Entwurfs-Maxime

Architekturwettbewerb
Natur (Park) Campus Wienerbruck

Statik: Werkraum Wien
Bauphysik: Jochen Käferhaus

1. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in Betrieb, Errichtung und Erhaltung

2. Baukünstlerische Lösung

3. Funktionelle Lösung

1. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in Betrieb, Errichtung und Erhaltung

Energiekonzept
cradle 2 cradle. nachhaltig. energieautark

Das Konzept folgt der Maxime radikal einfach, energetisch sinnvoll und möglichst kostengünstig zu bauen. Die beste Energie ist jene, die nicht aufgewendet werden muss. Anders als das konventionelle Passivhaus funktionieren die Gebäude ohne Dämmung der Massivholz-Außenfassaden und ohne kontrollierte Lüftung. Der gesamte Wärmehaushalt wird allein durch die solaren Erträge der Kollektoren der Südfassaden und das dynamische Speicherverhalten der massiven Bauelemente reguliert. Zusammen mit dem Erdreich fungiert die ungedämmte Bodenplatte als saisonaler Energiespeicher zur Aufnahme der solaren Energie. Das dynamische Verhalten des Massivholzes und seine Durchlässigkeit beim Transport von Feuchtigkeit gewährleisten über die Jahreszeiten einen angenehmen Effekt.

Ökologie und Energie
Das Konzept folgt der Maxime zur Reduzierung der Energietechnik. Die solaren Erträge werden in der Bodenplatte und dem darunterliegenden Erdreich saisonal gespeichert und bei Bedarf wieder abgegeben. Die Verglasungen der Gebäude sind in Passivhausqualität ausgeführt, die Wände bestehen aus 20-25cm Massivholz. Der zu erwartenden Energieverbrauch der Gebäude liegt im Bereich eines Passivhauses. Die adiabate Kühlung der Holzaußenwände im Sommer erzeugt einen angenehmen Wohnkomfort. Das genaue energietechnische Verhalten der Gebäude, bezogen auf die heterogene Benutzung, sollte im Rahmen eines Forschungsprojektes für die Landesausstellung 2015 messtechnisch erfasst werden.

Architektur
Gemäß der Soll-Anforderung sieht die intelligente Planung auch eine winterliche Nutzung vor, die praktisch ohne konventionelles Heizen auskommt – ein Holzofen zum Kochen steht in jedem Haus bereit – aber hohen Wohnkomfort erreicht. Der Entwurf der Holzhäuser vereint intuitive, ökologische Bauweise, “Low-Technology” mit Naturmaterialien aus der Region. Die Räume nach Norden sind schützend und introvertiert, wie die Stube einer alten Holzhütte, während sich die Häuser nach Süden zur “kulturellen Wildnis” der umgebenden Natur und der Sonne weit öffnen, um eine unmittelbare Beziehung zum Außenraum herzustellen und um in der kühleren Jahreszeit Wärme einzufangen. Die klar gegliederten Baukörper aus Massivholz vermitteln eine Form von archaischer Eleganz (“Primitive Future”) und entsprechen in Form und Materialität den traditionellen Holzstößen der Holzknechte, die diese Landschaft einst besiedelten.

Baustoffe und Nutzungskomfort
Das Konzept folgt der Maxime der Mehrfachfunktion der Bauteile:
Die Bodenplatte ist Fundament, Fußboden und Wärmespeicher
Die Fassade ist Gebäudehülle, Innen- und Außenfläche
Massivholz für Außen und Zwischenwände
Fußbodenheizung schafft behagliches Innenklima mit Strahlungswärme
Keine Verwendung von: PVC, Mineralfaser, Steinwolle, Schaum, etc.
Überhöhte Bodenplatte (35cm) mit Heizregister über gewachsenem Boden, ebenfalls mit Heizregister, bilden Langzeitwärmespeicher, die trübe, kalte Tage ohne fossile Heizung überbrücken.
Die geschliffene Speicherplatte wird aus “Öko”-Ortbeton mit Hüttensand (Hüttenschlacke) und örtlichem Schotter- und Kies aus regionalem Kalkstein als Zuschlagstoff erstellt.
Feststoffmanagement: Verwendung des Aushubmateriales aus der Stausee-Erweiterung

Heizen mit der Sonne
Die Wärmeversorgung für Warmwasser und Heizung im Winter wird durch Sonnen-Röhren-kollektoren an den Fassaden (ca. 5% der zu beheizenden Nutzfläche) und Warmwasser-Puffer mit Frischwassermodul abgedeckt, welche die Wärme von den Kollektoren in die Bodenplatte leiten. Eventuell erforderliche Restheizenergie wird durch einen einfachen Holzgrundofen als Heizherd abgedeckt. Auf dem Dach wird eine Verdrahtung für PV Zellen installiert, damit eine spätere totale Energieautonomie einfach herzustellen ist. Die beste Energie ist jene, die nicht aufgewendet werden muss.

2. Baukünstlerische Lösung

Unser Entwurf ist ein Plädoyer für das einfache Bauen.
„Eine Keische aus unbehauenen Stämmen, mit einer Baumrinde gedeckt und an einer nahen Quelle aufgeschlagen, ist alles, was er braucht…“
Abt Ambros Becziczka über Leben und Arbeit der Holzknechte (aus „Historische und topographische Darstellung von Lilienfeld und seiner Umgebung, Wien 1825, S.475 f.)

Wieviel “Lohhütte” steckt noch in unserer Wohn-Sozialisation, wenn wir einen Naturraum betreten..?
Die Funktionen einer Lohhütte oder einer Holzknechtsölde von vor 200 Jahren unterscheiden sich nicht wesentlich von unserer Vorstellung adäquater einfacher Nächtigungsstrukturen heute: In der Mitte steht die Herdstelle (Feuerwagen) mit einem schwenkbaren Pfannenhalter (Feuergaul) zum Kochen über dem offenen Feuer. Zum Schlafen gibt es Holzpritschen, einfache Lager, die entlang der Seitenwände aufgestellt sind. So sehen unsere Grundrisse aus.

Wieviel Raum braucht/will die WanderIn?
Unser Entwurf bietet Räume von 7m2 bis 32m2, für 1 bis 10 Personen.
Einsiedler oder Seilschaft? Lager oder Hochzeitshütte?
Der Komfort hängt also an der Frage: Mit wievielen aus meiner Wandergruppe möchte ich 32m2 teilen..?

Unser Entwurf ist ein Natur- und Naturbetrachtungsbehelf:
Du schaust nicht nur auf die Natur, sondern die Natur schaut auch auf dich.

Unser Entwurf nützt die attraktive Hanglage, die sich erst erschließt, wenn man oben ist – ähnlich wie bei einem Naturerlebnis am Berg: Stauseeblick – weg von der Straße und dem Tagesbetrieb.

Unser Entwurf thematisert das Weitererzählen der eigenen Geschichte und bindet Schutzhaus Vorderötscher und Ötscherhias in einen thematischen Inhaltsbogen ein. Wir erhöhen die Verweildauer der Tagesgäste durch ein einfaches Angebot zur Nächtigung im ersten Basislager für eine Bergtour auf den Ötscher.

Mögliche Betriebsreduktion auf 50%
Die vorgeschlagenen Abläufe im Hauptgebäude (“Welcome Center”) erlauben eine Betriebsreduktion auf 50% der Flächen.

Eine Naturarena wird der Topographie folgend am Hang gegenüber dem Eingangstor realisiert. Eine Wegenetz durchzieht diese Arena. Der Hang selbst wird intensiv mit regionalen Alpenpflanzen bestückt.

Feststoffmanagement: cradle 2 cradle; reduce. reuse. recycle
Das Aushubmaterial aus der Stauseeerweiterung wird wiederverwendet für die Herstellung des Öko-Betons der massiven Bodenplatten als Speichermasse und um eine neue Landschaft zu modellieren. Im Wasser entstehen Inseln, die erst bei geringerem Wasserpegel zur Gänze sichtbar werden. Die neue Landschaft verändert sich also dem Stauziel und dem Absenkziel des Stausees folgend.

Unser Entwurf forciert das monolithische Bauen
Die Häuser lassen sich durchgehend aus nur einem Material realiseren: Holz. Der Rohbau ist auch gleichzeitig der Ausbau. Es gibt kein Fassadenmaterial. Alle Materialien, auch die technischen Röhrenkollektoren, werden unverkleidet angewandt.
Nach der Anlieferung der in einer nahen Produktionsstätte in Gußwerk vorfabrizierten Holzbauteile kann auf Großmaschinen verzichtet werden. Die Errichtung kann und soll weitestgehend autodidaktisch ohne nötiges ExpertInnenwissen durch regionale Baugruppen erfolgen.

3. Funktionelle Lösung

Unser Entwurf ist ein “Tor zur Natur” und inszeniert den Naturparkeingang und “das Ankommen” und “das Aufbrechen”. Der repräsentativen Bedeutung des wichitgsten Naturparkeinganges wird mit einem langgesteckten Baukörper entsprochen, der ein “Tor zur Natur” öffnet und so die Besucherströme lenkt. (Anm.: Von einem Drehkreuz wird bewußt Abstand genommen, da wir von der Eigenverantwortung der BesucherInnen überzeugt sind.) Dieses Tor rahmt die gegenüberliegende Naturarena und damit ein Bild aus Alpenpflanzen, wie Eisenhut, Felsenbirne, „Jagabluat“, Knabenkraut und Frauenschuh.
Im Bereich der sonnenlichtreichen, südwestlich-orientierten Terrasse des Gastronomiebereiches, die bis in die Uferzone des Stausees reicht, befindet sich ein Kräutergarten, indem man sich an jenen Pflanzen freuen kann, die in der regionalen Küche der Gaststube verwendet werden.

Informations- und Programmzentrum, Gemeinschaftsraum
Der zweite Flügel des Eingangsgebäudes beinhaltet das Informations- und Programmzentrum (60m2) und den Gemeinschaftsraum für Notnächtigungsmöglichkeiten (100m2). Bei Bedarf lassen sich diese beiden Räume durch großzügige Öffnungen zusammenführen, sind aber dennoch von außen auch einzeln direkt zu begehen.
Während im Besucherbereich zu den Basiswanderangeboten auch Ausstellungen installiert werden können, funktioniert auch der Gemeinschaftsraum mit Mehrfachnutzungen: So werden sowohl eine Alpenbibliothek mit Lesenischen und Verleihmöglichkeit, als auch ein Bergkino eingerichtet. Funktionen, die also nur Wandflächen und temporär Bodenfläche in Anspruch nehmen. Der Natur(Park)Campus wir so als alpines Kompetenzzentrum etabaliert und damit nicht nur für Touristen interessant. Eine weiterer nicht budgetierter Bespielungsvorschlag für diesen Gebäudeteil wäre ein Naturlabor für Fauna und Flora des Naturparkes, indem Forschungsergebnisse demonstriert und präsentiert werden.

Weitere Outdoor-Infrastruktur
Zusätzlich zu den Lagern und Räumen in den Holzstapeln (1-10) steht im Osten für Camper ein Areal mit eigenem See zur freien Verfügung. Nahe disem neuen Retentionsbecken des Stausees, dort wo das Besucherzentrum und die Stapel (1-4) einen öffentlichen Raum bilden, entsteht eine Freiküche für 50 Personen zum gemeinsamen Kochen und Essen. Die sanitären Einrichtungen, incl. Duschen und ausreichend Waschplätzen für die Camper sind in Stapel 1(Knabenkraut) untergebracht.

Winterabschaltbarkeit
Eine Abschaltung im Winter ist nicht nötig, da unser energieautaktes System Frostsicherheit ohne Wartungsaufwand garantiert.

Mariazellerbahn, Haltestelle Wienerbruck
Eine neue Plattform, eine Holzrahmenkonstruktion, aufgeständert, mit Lärchenbretterboden, ermöglicht ein Aussteigen und Ankommen auf der „anderen Seite“, direkt über dem erweiterten Stausee. Der Umriß der Plattform ist amorph, wie die Uferlinien des Sees und ermöglicht ein erstes Verweilen und einen Blick über den neuen Natur(Park)Campus. Eine Rampe führt barrierefrei hinunter zum Zugangsweg und zum See.

Projektteil B
Auch wenn Projektteil B nur eine Erweiterung für die Zukunft darstellt, empfehlen wir schon jetzt die Fortführung des Bauprinzipes unserer „Stapelhäuser“. Für das steilere und unwegsamere Gelände plädieren wir für eine Adaptierung durch eine weitere Reduktion auf kleinere Hütten für 1 bis 4 Personen. Bei konsequenter Ausführung ist das energieautarke Konzept aus Projektteil A auch hier direkt anzuwenden.